Freitag, 12. Januar 2018

Jahrbücher des Jahres: Der Enkhuizer Almanak oder Mise en abyme (Teil 2)


Jahrbücher des Jahres: Der Enkhuizer Almanak oder Mise en abyme
Teil 1: Einführung. Die Spiegel kaufen. Die Spiegel malen. (letzte Woche)
Teil 2: Die Spiegel denken. Die Spiegel hören. (diese Woche)
Teil 3: Die Spiegel vor Windmühlen. (nächste Woche)


Die Spiegel denken: Hegel



Wir haben ja unsere Abteilung „Phänomenologie“ nicht nur aus Jux und Dollerei. Hegels „Phänomenologie des Geistes“ ist ein ebenso wunderbares wie schwerverständliches Buch über die Erscheinungsformen des Wissens. Wir werden öfter noch einmal darauf zurückkommen. Das Wissen, und die Welt wickelt sich sozusagen selbst aus, und zwar in einem dialektischen Prozess. Wir haben hier also eine Eigendynamik in der der Entwicklung des Wissens und der wahrgenommenen und verstandenen Welt.




Und in gewisser Hinsicht sind das alles eine Mise en abyme: denn der Tatbestand (das Verhältnis etc.) entdeckt sich erst einmal einfach „an-sich“ (These), dann „für-andere“ (Antithese) und schließlich „für-sich“ (Synthese). Es kommt aber nichts Neues hinzu außer das darüber Gedachte. Es enthält sich also schon vorher selbst. 

Hegel hat ja angeblich immer Vodka gesoffen. Foto: Marek Hahn
Der mit Abstand bekannteste und wirkmächtigste Teil der Phänomenologie ist das IV. Kapitel „Die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst“. Hier sind die Ausführungen über Herrschaft und Knechtschaft untergebracht, die ein gewisser Karl Marx in einer Londoner Bibliothek sehr aufmerksam gelesen hat. Die Ausführungen über das Selbstbewußtsein sind faszinierend, aber gewiß kann ich das an dieser Stelle nur andeuten. Für Hegel ist das Auftauchen des Selbstbewußtseins etwas Neues - also der abstrakte erste Mensch, der feststellt, man kann nicht nur über Bäume, Steine, Fußball nachdenken, sondern auch über sich selbst. Für Hegel ist hier etwas Neues entstanden,



„…was in diesen früheren Verhältnissen nicht zustande kam, nämlich eine Gewißheit, welche ihrer Wahrheit gleich ist, denn die Gewißheit ist sich selbst ihr Gegenstand, und das Bewußtsein ist sich selbst das Wahre.“ (PdG, S. 132)



Das ist sehr schön beobachtet: das Selbstbewußtsein verdoppelt sich in Wahrnehmendes und Wahrgenommenes – eine Mise en abyme. Übrigens erfolgt die Auflösung dieser Dopplung letzthin im Selbstbewußtsein eines anderen Bewußtseins, und das ist der Übergang zu Herrschaft und Knechtschaft.



Auch bei Hegel, wie bei Velasquez, eine springende Verdopplung – das Bewußtsein, das sich sieht, das Bewußtsein, das gesehen wird. Das Selbst, das sich selbst sieht.

Die Spiegel hören: Beethoven

Bezüglich Mise en abyme habe ich dann meinen Freund Marek Hahn angeschrieben. Marek spielt nicht nur Klavier, sondern kennt sich erheblich in klassischer Musik aus. Unsere Geschmäcker treffen sich im Symphonischen, aber klaffen ansonsten weit auseinander. Ich renne ja dauernd ins Ballett (wegen der Weiber) und in die Oper (wegen der Weiber), Marek hingegen geht zu Kammermusikabend. Es gibt ein legendäres Streitgespräch von uns beiden über Beethovens Klaviersonaten, die ich als „totlangweiliger Scheiß“ disste. Nun, das bezüglich Musikkompetenz. Und deshalb habe ich ihn angeschrieben bezüglich Mise en abyme in der Musik, und er antwortete zunächst knapp:

„Was die Musik betrifft, Wiederholung sehe ich nicht, Leitmotive ebenfalls nicht, es müsste eher etwas sein, in dem das Werk in verkleinerter Form in Werk vorkommt, ist bei Leitmotiven nicht der Fall. So exakt wie in der Malerei geht es natürlich nicht, es ließe sich natürlich denken, dass man eine Phrase so baut, dass in der Mitte die Phrase in verkürzter Form auftaucht, also alle Notenwerte halbiert oder geviertelt, und in der Mitte dieser müsste dann die Phrase wieder verkürzt auftauchen und in dieser Mitte von dieser vielleicht ein Triller, vielleicht gibt es so was aus Jux, gibt ja alles mögliche, von Hindemith z.B. ein Klavierstück, welches man auf den Kopf stellen kann und dann klingt es genau so.
Ungefähr gibt es das in der Fuge. Dort taucht erst ein Thema auf, was in verschiedenen Stimmen durchgeführt wird. Später kann dieses Thema verkürzt, d.h. mit kürzeren Notenwerten, auftauchen. Manchmal gibt es Fugen, in denen mehrere Themen auftauchen, die dann später gleichzeitig erklingen, interessant wäre, ob es Fälle gibt, in denen diese dann verkürzt sind, bestimmt.“

Einige Tage später:

„Beispiele, Ouvertüre Meistersinger von Wagner (wobei es sich hierbei um keine Fuge handelt, aber das gleiche Prinzip der Diminution angewandt wird) und Beethoven op. 110 letzter Satz (Fuge).

Die Ouvertüre  ist ganz interessant, da man es hier mit einer Mise en abyme in einer Mise en abyme zu tun hat;  schließlich ist diese Ouvertüre schon eine Mise en abyme, zumindest wenn man den letzten zwei Paragrafen dieses Textes folgt (ich habe weder Oper noch Ouvertüre genügend im Kopf):


Das Marschthema (nenne ich jetzt mal so) wird dabei ab der Mitte verkürzt dargestellt. Höre Dir mal diese Aufnahme an:


Da findest Du die Verkürzung ab 5:20.  Ich habe Dir die Ouvertüre als Klavierauszug angehängt. Dort ist das entsprechend: die ersten vier Takte bis Takt 5 erster Ton ist Marschthema, Seite 10 (der Klavierausgabe) letzter Takt beginnt dann das Marschthema in der Verkürzung und zwar genau halbiert. 



Im Hauptzeitmaas



Es hat natürlich nicht genau den gleichen Effekt wie in der Malerei, da sich durch die Verkürzung der Charakter ändert. Allgemein soll Beschleunigung rein kommen. Dann liegt der Gedanke der Parodie, Karikatur nahe. Andererseits ist die Idee meiner Meinung nach die gleiche, halt das gleiche verkleinert sehen bzw. hören.

  

Beethoven op. 110 letzter Satz, Noten anbei. Fugenthema Beginn Seite 588 Takt 25, 2. Zählzeit) (Taktzahl in den Noten eingekreist, also Thema beginnt Anfang Seite 588), Thema besteht aus punktierten Vierteln, Verkürzung Seite 590 Takt 106, Thema aus Vierteln und achteln, also wird nicht identisch verkürzt, sondern auch der Rhythmus geändert. Hier klare Funktion der Dramatisierung, da direkt wieder in das Adagio übergegangen wird.“

Am selben Tag, später:

„Ich wusste doch, dass in der Beethoven Fuge noch mehr drin steckt. Der 3. und letzte Satz beginnt auf Seite 586 (in der Ausgabe, die ich Dir heute Morgen geschickt habe) mit einem Adagio, ab Seite 588 dann eine Fuge. Das Thema (=Thema A) ganz am Anfang mit den Tönen As-Des-B-Es-C-F-Es-Des-C. Also dreimal um eine Sekunde versetzt eine Quarte nach oben, bevor es vom F aus in Sekundschritten abwärts zum C geht. Der Satz wird dann immer bewegter, es kommt die in der Mail von heute Morgen erwähnte Diminution des Themas bevor erneut das Adagio vom Anfang aufgenommen wird und schließlich erneut eine Fuge kommt (592 oben). Diesmal besteht das Thema aus den Tönen D-A-C-G-H-Fis-G-A-H. Also eine Umkehrung des ersten Themas (=Thema A'). Alle Intervalle, die im ersten Thema nach oben gingen, gehen jetzt nach unten (aus einer Quarte nach oben wird eine Quarte nach unten) und umgekehrt.
Fuga

Das Superspannende beginnt dann ab 167 Ende. Ab da beginnt bis Takt 174 ein Motiv, das aus 4 Sechzehnteln, 2 32tel und einer Sechzehntel besteht. Der Clou ist nun, dass dieses Motiv das Fugenthema (Minus den ersten beiden Tönen) A ist, nur dass statt einer punktierten Achtel eine Sechzehntel steht. D.h. das Thema ist 6x so schnell. D.h. man braucht statt drei Takte nur einen halben. Ab 2. Takthälfte 169 beginnt nun das Fugenthema in der Originallänge. Gleichzeitig geht aber das verkürzte Fugenthema in einer anderen Stimme weiter und zwar immer abwechselnd über und unter dem Fugenthema und dies abwechselnd in der Form Thema A und Thema A'. D.h. beim Hören des Fugenthemas hört man bei jedem Ton das komplette Fugenthema als Miniversion.“

Das ist alles sehr interessant!

Nächste Woche dann der letzte Teil! Und dann geht es endlich um den Bauernkalender!



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