Freitag, 5. Januar 2018

Jahrbücher des Jahres: Der Enkhuizer Almanak oder Mise en abyme (Teil 1)





In eigener Sache. Erstens. Nach dem Brockhaus-Blog hat mich doch ein Stück Melancholie eingeholt. Ich habe fünf Jahre lang praktisch jeden Freitag etwas veröffentlicht. Das war auch deshalb möglich, weil die Beiträge dort klein, handlich, übersichtlich waren. Jetzt habe ich sozusagen eine Post-Brockhaus-Depression, insbesondere immer am Freitagmittag.

Es hat sich ferner so entwickelt, dass die privileg270t-Beiträge viel, viel umfangreicher sind. Deshalb habe ich beschlossen, die Texte in kleinere Stücke zu teilen und sie nicht en bloc zu veröffentlichen, sondern möglichst wöchentlich. Nämlich am Freitagmittag, zum Beispiel heute. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das langfristig klappen wird. Wir werden sehen.

Zweitens. Ich werde heute und hier eine kleine Serie starten: die Jahrbücher des Jahres. Jahrbücher sind etwas Besonderes: sie umfassen ihren Gegenstand vollständig in der Periode eines Jahres. Jahrbücher und Almanache (das Wort kommt aus dem Arabischen, denn die ersten Almanache waren Stern-Jahresbücher) sind alles, was ihr Gegenstand im letzten Jahr war oder in diesem Jahr sein wird. Also: Phänomenologie. Übrigens gibt es auch ein „Jahrbuch Fernsehen“, das im Juli 2018 erscheinen wird. Also: Television. Schön wäre es, wenn es auch einen Suppenalmanach gäbe, aber das ist leider nicht so.

Also. Los geht es.

Jahrbücher des Jahres: Der Enkhuizer Almanak oder Mise en abyme
Teil 1: Einführung. Die Spiegel kaufen. Die Spiegel malen. (dieser Beitrag) 
Teil 2: Die Spiegel denken. Die Spiegel hören. (nächste Woche)
Teil 3: Die Spiegel vor Windmühlen. (übernächste Woche)
 
 




Ich habe das Bild im Bild einmal größer gescannt:
 
Almanak mit Bauern, der Almanak liest






Also ein Bild, das sich selbst enthält. Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff: eine Mise en abyme (französisch auszuprechen). Mein erste Mise en abyme war die Verpackung vom Rotkäppchen Camembert. Rotkäppchen hat einen Korb mit leckeren Sachen mit, unter anderem ein Rotkäppchen Camembert, auf dem Rotkäppchen abgebildet ist, das einen Korb mit leckeren Sachen dabei hat, unter anderem einen Rotkäppchen Camembert etc. etc. Diese etcetera haben mich als Kind am meisten fasziniert. Ich überlegte mir schwindelerregende weitere Stufen des Rotkäppchen-im-Rotkäppchen, bis zu einem Rotkäppchen mit einer roten Kappe, die nur noch ein Zehntelmillimeter groß  wäre, gar nur ein Hundertstelmillimeter groß, ein mikroskopisches Rotkäppchen mit einem molekularen Käse.

 
Rotkäppchen kauft Rotkäppchen. Quelle: www.gerne-essen-und-trinken.de



Tatsächlich sind auf der Packung nur drei Käse erkennbar. International bekannter ist der sog. Droste Effect, hier:



Die Kakaoversion von Rotkäppchen

 

Die Spiegel malen: Van Eyck und Velasquez


Vielleicht am bekanntesten in der Kunst sind die Mise en abyme vom Typ M.C. Escher, die Hand, die sich selbst malt, die Spiegel im Spiegel. Aber das ist mehr artistischer Unterhaltungskram und nicht besonders interessant. Jahrhunderte vorher war man schon weiter. Ich nehme mal zwei Beispiele.



Man unterscheidet verschiedene strukturelle Eigenheiten einer Mise en abyme. Da gibt es einmal das Mise en abyme, das sich tatsächlich enthält: das ist beim Enkhuizer Almanak und beim Rotkäppchen-Käse so. Eine unzuverlässige Wiederholung findet man z.B. beim Cover von Pink Floyds „Ummagumma“, bei dem das Cover sich mehrfach in Varianten enthält.  Eine Mise en abyme im weiteren Sinne liegt vor, wenn nicht das Bild sich identisch wiederholt, sondern das Malen des Bildes sich im Bild wiederfindet. Es ist typischerweise eine Beobachtersituation (z.B. bei Vermeers Malkunst) oder noch eindeutiger: ein Spiegel, der im Bild abgemalt wird. Schon bei Van Eyck, im Bildnis des Ehepaars Arnolfini von 1434, ist eine solche Mise en abyme angelegt.




 
Arnolfini, mit Hund (Quelle: wikipedia)




Im Mittelpunkt des Gemäldes hängt ein Spiegel. Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass hier Van Eyck und ein Begleiter abgebildet sind, die den Raum betreten und das Ehepaar Arnolfini anschauen, die von hinten zu sehen sind. Wohlgemerkt: es ist keine Leinwand, kein Maler van Eyck zu sehen, was bei einem echten Mise en abyme ja zwangsläufig wäre.



Ich hatte euch schon einmal anderswo über Velazquez Las Meninas vorgeschwärmt, das ich einmal mit Alex zusammen in Madrid angeschaut habe. Wenn ihr nur noch eine halbe Stunde für den Prado habt: schaut euch dieses Bild an, nur dieses Bild. Es ist niederschmetternd großartig.



An dieser Stelle dazu einige Notizen. Sehr interessant und grundlegend dazu ist Foucaults berühmter Artikel „Die Hoffräulein“ in „Die Ordnung der Dinge“. Aber treten wir langsam näher.



Auch hier gibt es eine Mise en abyme. Der Maler Velazquez steht links vor der Leinwand und malt gerade das Bild – ja, welches Bild eigentlich? Das Bild, das wir sehen? Schon in diesem ersten Zugriff zittern Motiv und Gemaltes in einer Verdopplung: „Sehen wir oder werden wir gesehen?“ (Foucault). Sind wir Zuschauer oder Motiv?


 
Margarita, mit Hund (Quelle: wikipedia.de)

 Interessant zu sehen, dass es genau das umgekehrte Verhältnis wie bei van Eyck ist: dort steht im Spiegel der Maler, und hier steht im Spiegel das Motiv, nämlich das Königspaar. Wenn das Spiegelbild bei van Eyck unzuverlässig war, weil eigentlich eine Leinwand in der Spiegelung zu sehen sein müßte, ist Velazquez noch unzuverlässiger – wiederum sehen wir im Spiegel keine Leinwand, aber auch keinen Maler, und auch nicht die Personen im Vordergrund der Szene, sondern nur das Motiv (oder sind wir es, die Zuschauer?).



Das wäre schon verwirrend genug, aber Velazquez dreht die Schraube noch weiter: in den Vordergrund malt er eine typische Portraitszene dieser Zeit, die Infantin Margarita, mit Höflingen, Zwergen (und Schäferhund, wobei mir jetzt gerade auffällt, dass Van Eyck auch einen Hund hineinmalt. Ein heimliches Hundezitat?). Es ist leicht sichtbar, dass die kleine Margarita das eigentliche Zentrum des Bildes ist; das zeigt allein die Komposition, die ein liegendes Andreaskreuz ergibt (links oben: Augen des Malers, nach rechts unten: Schuh auf Hund. Rechts oben: Betrachter im Korridor nach Links unten: Leinwandecke), in dessen Kreuzungspunkt das Gesicht der kleinen Margarita steht.



So, und das bedeutet: das Motiv des Bildes ist nicht der Zuschauer (also du), nicht das Königspaar (im Spiegel: identisch mit dir?), sondern die kleine Margarita, die von wem gemalt wird – von dir als Zuschauer etwa? Velazquez kann es ja nicht sein, der steht vor dir.



Damit einem auch gründlich der Kopf brummt, hat Velazquez schließlich noch einen Zuschauer hineingemalt, der rechts oben im Korridor steht. Bist du das? Nein, du wirst ja gemalt. Du bist das Königspaar. Also das Motiv. Aber nein, Margarita wird gemalt. Du bist nur Zuschauer. Aber wer hat das Gemälde gemalt, wie wir es im Prado sehen? Ja, Velasquez, und der ist ja auch auf dem Bild zu sehen. Als Motiv. Etwa von dir gemalt? Aber was malt Velasquez? Dich? Gut, ich höre auf.

 










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