Donnerstag, 23. November 2017

Imogen



Und doch ist es ein ganz bemerkenswerter Ort. Genau hier, an dieser Stelle, wurde das Fernsehen erfunden. Das Gebäude gehörte früher der Deutschen Reichspost, und hier war das Fernsehlaboratium, in dem ab Ende der Zwanzigerjahre die technischen Grundlagen des Fernsehens gelegt wurden, und zwar als weltweite Pioniere. Hier, genau hier hat alles angefangen, von Peter Frankenfeld über Das Laufende Band bis Denver Clan, den Simpsons und den Gilmore Girls, von Breaking Bad bis zu den Walking Dead. Television.

Eine interessante Frage ist, was denn so ganz im Anfang überhaupt im Fernsehen gezeigt wurde. Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Film „Contact“ mit Jodie Foster. Die Außerirdischen von der Wega senden die ersten Fernsehsignale zurück, die sie von der Erde empfangen haben. Es handelt um Hitlers Eröffnungsrede von den Olympischen Spielen. Das ist historisch gesehen Blödsinn, aber eine reizvolle Idee, wenn die Weganer als ersten Menschen diesen Mann mit Schnurrbart sehen und darüber nachdenken, wie wir so drauf sind.



Quelle: Lipfert, Das Fernsehen, München-Berlin 1938, Widmung



Historisch richtig hingegen ist es, dass die Nazis scharf auf das Fernsehen waren, wie das Zitat von Reichspostminister Ohnesorge zeigt. Ohnesorge war übrigens ein ziemlicher Tüftler, der die Fernsehtechnik deutlich weiter hat entwickeln lassen. Und der Mann war vielseitig interessiert: auch am deutschen Uranprojekt war er beteiligt.


Aber schon sieben Jahre vor Hitler hatte es Versuchssendungen gegeben. Weiss man überhaupt noch, was in diesen allerersten Übertragungen versendet wurde? Ja, man weiß es. Man kennt sogar die ersten Personen, die jemals im TV zu sehen waren. Es waren zwei Frauen. Sie hießen Imogen Orkutt und Schura von Finkelstein.

 Ab 1929 gab es Versuchssendungen der Reichspost, bei denen tonlose Testbilder übertragen wurden. Allerdings waren es keine starren geometrischen Testbilder, sondern immer wieder täglich derselbe einzige Film. Es war ein Versuchsfilm mit den zwei Mädchen, den man im vorangegangenen Jahr am Wannsee gedreht hatte. Diese beiden Mädchen waren die ersten Menschen, die als Fernsehbild übertragen wurden. Zwei Mädchen in Badeanzügen singen ein Lied (es ist übrigens „Horch was kommt von draußen rein“) und lachen sich an. Das war der Anfang vom Fernsehen.

Dazu einmal ein ganz kurzer Ausflug in die technischen Grundlagen: Fernsehen unterscheidet sich grundlegend vom Kino. Beim (analogen) Kino wird einfach das belichtete, transparente Zelluloid vom Projektor durchleuchtet und ein bewegtes Bild auf die Leinwand projiziert. Beim Fernsehen ist das nicht möglich, denn man würde ja für jeden Bildpunkt (Pixel) einen eigenen Übertragungskanal verbrauchen. Also muss man die Gleichzeitigkeit der Bildpunkte in ein möglichst rasantes Nacheinander verwandeln. Und das geschieht durch ein zeilenweises Rastern des Bildes. Das Fernsehbild wird also nicht in einem Stück übertragen, sondern es wird abgetastet, gesendet und im Empfangs-Fernseher wieder in ein Bild zurückgeschrieben, das aber alles so schnell, dass wir nur ein Bild zu sehen glauben.

Abtasten gilt im wörtlichen Sinne auch für die ersten Fernsehansagerinnen, die in winzigen Kabinen saßen und sich von der Fernsehkamera abstrahlen und abtasten lassen mußten. In der Frühzeit geschah das Rastern tatsächlich durch mechanische Scheiben.

"Fernsehsprechen" Quelle: Lipfert 1938


Um nun nicht immer nur live senden zu müssen, griff man zu einem Trick, um auch (Kino-) Filme übertragen zu können: man legte den Film in einen sog. Linsenkranzabtaster, der den Zelluloidfilm ableuchtete, zu einem Fernsehbild rasterte und zeilenweise übertrag. So war es möglich, dass der Film mit den Mädchen dauernd wiederholt ausgestrahlt werden konnte.


Links Imogen Orkutt, rechts Schura von Finkelstein



Die ersten Fensehzuschauer waren mehr oder weniger interessierte Amateure mit winzig kleinen Bildschirmen. In der Anfangszeit waren die Gesichter mehr oder weniger vermatschte Flecken, aber mit zunehmender Auflösung stieg auch die Bildqualität. Irgendwann konnte man sogar den Leberfleck auf Schura von Finkelsteins Gesicht entdecken. Es gab auch damals schon Fernseh-Zeitschriften, allerdings völlig anders als heute: die Fernsehtechnik-Amateure tauschten sich dort aus, bei welchem Wetter, mit welcher Antenne und an welcher Stelle sie Imogen und Schura am besten empfangen hatten.


Einige Jahre später war die Technik dann so weit entwickelt, daß man während der Olympischen Spiele ein Live-Programm in öffentlichen Fernsehstuben zeigen konnte. So ist es nicht ohne Ironie, daß ganz am Anfang des Fernsehens ein Konzept sehr wichtig war, das erst viel später richtig erfolgreich wurde: das Public Viewing. 1936 in den Fernsehstuben der Reichspost und 2006 auf der WM-Fanmeile. Und schon ab 1937 übertrag man erste Fernsehshows. Wer weiß – vielleicht findet man noch irgendwo eine Version von Wer wird Millionär? in Reichsmark.





So läuft das Fernsehgeschäft: Frischluft von oben rechts (Quelle: Kurt Lipfert, Das Fernsehen, 1938)


 

Aber zurück zu den beiden Fernsehmädchen: die beiden haben für die Aufnahmen je 25 Mark bekommen. Imogen arbeitete als Verkäuferin von Kinderkleidung, schauspielerte ein wenig und heiratete 1931 den Chirurg Georg Cohn. 1939 flohen sie nach Palästina. Sie ist sogar später nach Deutschland zurückgekehrt. Bis 1990 hatte sie einen kleinen Tabakladen in München, direkt neben dem Arri-Kino in der Türkenstraße. Damit ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, daß die erste Frau im Fernsehen mir irgendwann einmal ein Schachtel Zigaretten verkauft hat. Wahrscheinlich eine P&S. Im Jahr 2000 ist sie mit 93 Jahren gestorben.

 
Nackter Mann an Hausfassade




Und was ist aus dem Gebäude in der Rognitzstraße geworden? Die Reichspost ging in die Bundespost über, die Bundespost hat es der Telekom vermacht. Bis vor sechs oder sieben Jahren waren dort unwichtige Telekomabteilungen, und dann stand es leer. Bis Oktober letzten Jahres: jetzt sind Flüchtlinge dort untergebracht. Das ist auf eine so seltsame Art seltsam, dass man sich das noch einmal vergegenwärtigen sollte: Das Gebäude, in dem das Fernsehen erfunden wurde, dient Flüchtlingen aus fernen Weltgegenden als Unterschlupf. Merkwürdig.





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